Wildnisurlaub in Lappland 31.03.-10.04.2006

Mit dem Flugzeug ging’s dieses Mal von München nach Stockholm; da ich bisher immer mit der Bahn angereist bin, einmal ein anderer Weg. Eines hat sich jedoch gleich negativ herausgestellt: Man hat mir beim Hinflug einen Träger meines Trekkingrucksacks abgerissen – zum Glück wollte ich nicht wandern gehen, sonst hätte ich ein Problem.
Mit dem Bus fuhr ich vom Flughafen Arlanda nach Uppsala, um mich dort in der Jugendherberge mit einer Freundin zu treffen, die ebenfalls den Outdoorsprachkurs in Lappland besucht. Da sie über den Flughafen Skavsta angereist war, hat sie den Zug von Stockholm nach Uppsala genommen und weniger gezahlt als ich für die halbe Strecke – merkwürdig. An diesem Tag unternahmen wir nicht mehr viel außer einem kleinen Stadtspaziergang.
Der nächste Tag startete sonnig, wir deponierten unser Gepäck in einem Schließfach am Bahnhof und frühstückten erst einmal gemütlich in einem Café. Ich muss hier noch ein Fazit zur Jugendherberge, oder Vandrarhem, wie es ja in Schweden heißt, abgeben: Für eine Nacht ist sie ok, aber ich würde dort weder duschen noch länger übernachten, da hatte ich in Schweden schon bessere Unterkünfte entdeckt. Unser erster Weg führte uns zur Touristinformation, um einen Überblick zu erhalten, was wir an einem Tag alles anschauen konnten. Wir entschieden uns dafür, mit dem Bus nach Gamla Uppsala zu fahren, vorher jedoch besuchten wir noch die Domkyrkan, um die herum viele sehr interessante Runensteine zu finden sind. Auch die Kirche selbst ist sehr schön, eine tolle Deckenbemalung und viele kleine Nischen mit Gräbern von Königen. Zu der Zeit unseres Besuchs war gerade eine Ausstellung über Martin Luther, die sehr informativ gestaltet war.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle kauften wir auf dem Markt noch selbstgebackene Kanelbullar (Schwedische Zimtschnecken) von einer netten Dame, diese kosteten 20kr für 8 Stück, in einem Laden hatte eine schon 15kr gekostet, also ein wahres Schnäppchen.
Gamla Uppsala ist sehr interessant und sehenswert, zumindest wenn man sich für Geschichte interessiert. Zuerst waren wir im Museum und betrachteten fasziniert die Stücke, die man in den vier Gräbern gefunden hatte – hauptsächlich Schmuck und Waffen. Wir haben bei diesem Besuch viel über das Neunjahresfest der heidnischen Zeit erfahren und dass die alte Kirche vermutlich auf dem Platz der alten Königshalle steht. Bei dem wunderschönen sonnigen Wetter konnten wir auch einen Spaziergang über den Platz mit den Grabhügeln machen, diese darf man zwar selbst nicht betreten, aber alleine ihre Dimensionen sind beeindruckend. Auf einem der Grabhügel wurde gerade ein Musikvideo gedreht – die hatten wohl eine Ausnahmegenehmigung für das Betreten –, um welche Band es sich handelte, kann ich allerdings nicht sagen. Zurück im Zentrum waren wir noch etwas Bummeln und wurden in einer Einkaufspassage fast eingesperrt, weil diese schloss und uns niemand etwas sagte, während wir noch einige Läden im Kellergeschoss erkundeten. Die letzten zwei Stunden bis zur Abfahrt unseres Nachtzuges verbrachten wir in einem Café und dann war es endlich soweit: Auf geht’s in die Wildnis. Im Zug dauerte es nicht lange, bis wir die anderen aus dem Sprachkurs entdeckten, und so hatten wir einen schönen Abend im Speisewagen.
Um kurz nach 9 Uhr am nächsten Morgen fuhr der Zug im tiefverschneiten Naatavaara ein, wo wir auch schon von Dirk und Peter erwartet wurden, die uns nach Solberget fuhren. Solberget ist ein Wildnisdorf, das von Dirk, einem ausgewanderten Deutschen, betrieben wird. Es gibt hier mehrere Hütten, aber die meisten von uns übernachteten im Haupthaus, wo sich auch die Küche befand. Sechs von uns, darunter ich, wählten die Timmerstugan, eine kleine Hütte am Waldrand. Nun hieß es eine Woche ohne Strom und fließend Wasser, stattdessen Ofen einschüren, Wasser an der Quelle holen und Plumpsklo. Der Sprachkurs von Outdoorlingua war nach dem Alltag aufgebaut. Wir wurden eingeteilt zu kochen, abzuspülen, Wasser für die Sauna zu holen usw. und lernten dabei viele Alltagsbegriffe. Bevor es in die Sauna ging, durften wir noch die Rentiere füttern, die in einem Gehege neben Dirks Haus weideten und von einigen der Klos durch ein Astloch zu sehen waren – sehr romantisch, vor allem nachts bei Kerzenschein.

Rentiergehege

Rentiergehege

Mit meinen fünf Mitbewohnern der Timmerstugan spielte ich abends noch einige Spiele, bevor wir todmüde ins Bett fielen.
Am nächsten Tag war eine Skitour geplant, wir kamen bei strahlendem Sonnenschein ganz schön ins Schwitzen und grillten dann bei einem Aussichtsturm, der einen tollen Blick auf die lappländische Weite bot, Würstchen über dem offenen Feuer.

Skitour

Skitour

Weite Lapplands

Weite Lapplands

Wieder gab es einige Sprachübungen in der Natur, bei der man viele neue Wörter dazulernte. Der Rückweg war dann sehr lustig, da wir auf dem Hinweg eine größere Steigung hatten, wo wir unsere Skier hochgetragen hatten – diesen Abhang mussten wir jetzt wieder hinunter. Die Bindung unserer Langlaufskier, wo wir mit den Winterstiefeln hineinschlüpfen konnten, bot nicht sehr viel Halt, da sie aus Plastik bestand. Daher sollte es viele Stürze geben bis wir Solberget wieder erreichten. Vor dem Abendessen erhielten wir ein Buch über die Sami und sollten für den nächsten Tag ein Referat vorbereiten – wir wählten als Thema die Religion. Und auch heute gings nach einem leckeren Abendessen wieder in die Sauna.
Rentierschlitten fahren oder Iglu bauen war das Motto des nächsten Tages. Für mich war heute Iglu bauen und morgen Rentierschlittenfahren angesagt. Es stellte sich aber heraus, dass die Erbauung nicht so einfach war, wie sie schien. Wir sägten große Schneeblöcke (ca. 80 x 30-40 cm) aus einem Schneehaufen aus und richteten diese nach einem genauen Plan aus. Als es Zeit war fürs Mittagessen war, waren wir noch nicht sehr weit gekommen und entschieden uns danach dafür, lieber unser Referat vorzubereiten als weiterzubauen, so sollte das Iglu leider nie fertig werden.

Solberget

Solberget

Am Nachmittag, nachdem wir unser Referat zum Besten gegeben hatten, bekamen wir Besuch von zwei älteren Damen aus Naatavaara zum Kaffeeklatsch, die aus ihrer Jugend erzählten. Die eine davon war sogar in Solberget geboren. Es war ein interessanter Besuch. Dann, am Abend beim Saunabesuch, sahen wir unser erstes Nordlicht. Wir saßen alle und schwitzten, als wir einen Schrei von draußen hörten und alle hinaus stürmten. Über den Himmel tanzten grüne Lichter in verschiedenen Formen und obwohl es kalt war und wir barfuß im Schnee von einem Bein aufs andere stiegen, dauerte es lange, bis wir zurück in die Wärme der Sauna flüchteten – das Nordlicht war einfach zu faszinierend.

Nordlicht - Aurora Borealis

Nordlicht – Aurora Borealis

Nordlicht - Aurora Borealis

Nordlicht – Aurora Borealis

Nordlicht - Aurora Borealis

Nordlicht – Aurora Borealis

Am Vormittag des nächsten Tages machten wir eine Skitour zu einer verlassenen Hütte im Wald, bei der zig kaputte Autos herumstanden – ein wahrer Schrottplatz in der Wildnis. Unsere Aufgabe war es, uns eine Geschichte zu überlegen, wer hier wohl gelebt hatte, und es kamen einige verrückte Schauergeschichten heraus. Der wahre Bewohner hieß Arne und war, nachdem er in Solberget sein Haus niedergebrannt hatte, hierher gezogen. Er war Alkoholiker und etwas verrückt nach Politik, daher sind alle Wände des Hauses und der Nebengebäude mit seinen Ansichten zu Religion und Politik beschrieben. Es ist ein wahres Horrorhaus, bei dem man sich wirklich sonst etwas denken kann. Einige haben noch eine längere Skitour übers Moor gemacht, andere lieber im T-Shirt die Sonne vor der Hütte genossen, so wie ich. Dann durften wir auf Schwedisch dichten, auch wieder was Neues, aber eine interessante Aufgabe, und dann endlich ging’s mit den Rentieren auf eine kurze Schlittentour. Es war eine tolle Erfahrung, die süßen Rentiere machten nicht immer das, was man von ihnen wollte, doch wir kamen nach einer rasanten Fahrt, die vor allem auf dem Rückweg ganz schön flott wurde – die Rentiere rochen wohl das Zuhause – wieder gut in Solberget an.

Rentierschlittenfahrt

Rentierschlittenfahrt

Am Abend bekamen wir Besuch von Lars, einem Sami. Bei einem Lagerfeuer im Tipi erzählte er uns faszinierende Geschichten über sein Volk und wir backten Apfelkuchen und Waffeln über dem offenen Feuer.

Solberget

Solberget

Dann kam endlich der langersehnte Besuch des Eishotels in Jukkasjärvi. Nicht alle nahmen an diesem Ausflug teil, vier machten stattdessen eine Skitour nach Slättberget zu einem verlassenen Hof. Wir anderen sieben brachen zu einer 2,5 stündigen Fahrt auf, die auf Dauer eintönig und ermüdend war. Endlich angekommen, war die erste Handlung der Gang aufs Klo – fließend Wasser und ein Spiegel, Dinge, die man jetzt wieder mehr zu schätzen wusste, obwohl wir es nicht wirklich vermisst hatten. Unsere Führerin zeigte uns zuerst die Eiskirche und wir waren schon jetzt fasziniert, was man aus Eis alles machen kann. Die Kuppel wurde gebaut, indem man einen riesigen Ballon mit Schnee beworfen hat, der dann gefroren ist. Sie erzählte uns, dass es den Winter über sehr viele Hochzeiten gab und dass die meisten Brautpaare aus England kamen, meist mit viel zu dünnen Kleidern und in Stöckelschuhen.

In der Eiskirche

In der Eiskirche

Im Eishotel selbst bewunderten wir zuerst den langen Korridor mit dem Kronleuchter aus Eis, dann ging’s in die Suiten.

Kronleuchter aus Eis

Kronleuchter aus Eis

Jede wurde von einem anderen Künstler gestaltet und hat ihren eigenen Charme. In einer Suite befindet sich eine Skulptur der Beatles als Sgt. Peppers Band, in anderen eine Sitzgruppe oder faszinierende Bilder aus Eis. Es ist nicht möglich alles aufzuzählen, aber die Kunstwerke sind sowieso jedes Jahr anders.

Bett aus Eis

Bett aus Eis

Neben den Suiten gibt es auch noch etwas günstigere Zimmer, die nur mit einem Bett aus Eis ausgestattet sind. Zum Schlafen bekommt man dann einen Schlafsack und einen Thermoanzug und schläft so auf einem Rentierfell. Unsere Führerin meinte, dass so ziemlich jeder sagt, er habe noch nie so gut geschlafen wie im Eishotel. Auf dem Weg zur Absolut Wodka Eisbar gab’s dann eine Galerie mit verschiedenen Kunstwerken zu bestaunen – Skulpturen und Bilder aus Eis. Wie wäre es z. B. mit einem Eisblock, der durch eingeschlossene Luftblasen ein tolles Muster bietet für „nur“ 10.000 Euro? Naja, da der abgerissene Träger meines Rucksackes einen Transport nicht zuließ, ließ ich den Kauf lieber ;-). In der Eisbar begrüßte uns der Barkeeper vor einem Regal mit vielen bunten Absolut Wodka-Flaschen. Man bekommt diesen ausgeschenkt in einem Glas aus Eis, wie sollte es auch anders sein. Aber da die Preise auch hier gesalzen waren – 105 SEK für ein Glas, welches man dann auch behalten darf, aber wozu? – sahen wir vom Genuss ab. Wir stöberten stattdessen noch etwas im Souvenirshop und machten eine kleine Kaffeepause. Auch hier zeigte sich wieder, dass wir die letzten Tage in der Wildnis verbracht hatten, denn kaum sahen wir den kostenlosen Internetzugang, als wir auch schon alle darauf zustürmten. Im Ort Jukkasjärvi stand die Besichtigung der Samischen Kirche an, mit ihrem beeindruckenden Altarbild aus richtig kräftigen, bunten Farben und einer Orgel aus Rentierhorn – ein wahres Kunstwerk.

Samische Kirche

Samische Kirche

Altarbild

Altarbild

Bevor es zurück nach Solberget ging, spazierten wir hinunter zum Torneälven, dem Fluss, aus dem die großen Eisblöcke gewonnen werden. Diese werden, so verrückt das klingen mag, in alle Welt exportiert. Zurück in der Wildnis schloss der Tag, wie sollte es anders sein, mit einem Saunabesuch.
Schließlich war auch schon der letzte Tag gekommen und ich muss sagen, die Zeit ist viel zu schnell vorbeigegangen, auch wenn man sich auf der anderen Seite auf eine anständige Dusche freute. Nach dem Frühstück hieß es packen und Hütte putzen, nach dem Mittagessen ging es nach einem kleinen Test und einer Überraschung für unsere Schwedischlehrer mit einem selbstgedichteten Lied wieder nach Hause bzw. für mich nach Luleå. Fazit der Woche: Den Sprachkurs betreffend habe ich viel gelernt, v. a. die ganzen Alltagswörter, die man in einem normalen Sprachkurs nicht lernt. Und auch die anderen Sachen wie Feuer machen, Wasser holen von der Quelle im Wald, das alles war sehr interessant. Es war wunderschön und unglaublich entspannend, man konnte ohne die ganze Technik wunderbar herunterkommen vom ganzen Stress des Alltags und ich war noch nie so romantisch am Klo wie in unserem kleinen Plumpsklo am Waldrand bei Kerzenschein 😉
Dann ging’s zum Bahnhof, noch stiegen wir alle in den gleichen Zug ein, doch in Boden trennte ich mich von den anderen, da ich noch einige Tage in Luleå verbringen wollte Dort angekommen, hatte ich erst einmal einen längeren Weg zum dortigen Vandrarhem vor mir und als ich endlich angekommen war, war die Tür verschlossen. Zum Glück kamen so ziemlich zeitgleich mit mir andere Gäste, die den Code für die Tür hatten und mich hinein ließen. Das Zimmer ist sehr schön, aber das Bad könnte besser sein – keine Unterscheidung zwischen Mann und Frau und nichts zum Absperren.
Meine Stadterkundung am nächsten Tag verlief relativ planlos. Erst einmal fand ich die Touristinfo nicht, dann wollte ich ins Museum, wovon in meinem Reiseführer berichtet wurde, dass es dort Fundstücke aus einem Wikingergrab gab. Leider stimmte dies nicht, es gab nur eine Ausstellung über Motorräder, die zwar auch sehr interessant war, aber eben nicht das, was ich suchte. Außerdem gab es eine Ausstellung für Kinder über die Sami und eine Kunstausstellung. Die Dame im Museum meinte auf meine Frage hin, dass es nur noch das Freiluftmuseum mit alten Gebäuden gibt, aber dass dieses im Winter geschlossen hatte. Naja, so verbrachte ich den Rest des Tages mit Einkaufen und dann am Abend mit einem Besuch im Kino in den Film „Walk the Line“. Nach dem Kino herrschte durch den Nebel eine ganz tolle Stimmung in der Stadt. Die Stadt liegt direkt am Meer, welches zugefroren war und auf dessen Eis unterm Tag ganz viele Menschen mit Motorschlitten oder zum Eisangeln unterwegs waren. Jetzt in der Nacht bei Nebel im Schein der Straßenbeleuchtung, wirkte dies unbeschreiblich schön.
Die Abreise in Luleå wurde begleitet von einem Schneesturm, der dann gleich mal den Abflug verzögerte, da die Tragflächen enteist werden mussten. Dahingegen wurde ich dann in Stockholm von strahlendem Sonnenschein und T-Shirt-Wetter empfangen und kam so richtig ins Schwitzen. Eigentlich wollte ich an einem Münztelefon eine der Kursteilnehmerinnen anrufen, die in Stockholm im Studentenwohnheim wohnt und bei der ich eine Nacht verbringen durfte. Aber das Telefon schluckte nur meine Münzen und so fuhr ich auf gut Glück zum Wohnheim – sie war gottseidank daheim. Die kleine Studentenstadt liegt sehr schön. Man kann hier im Wald und am Wasser entlang spazieren und im Sommer natürlich auch baden. Ich stelle mir das Studieren hier toll vor.
Allein erkundete ich anschließend die Altstadt, die ich schon von vorherigen Besuchen kannte, und traf mich mit zwei anderen Kursteilnehmerinnen bei Chapmans, wo wir zusammen kochten. In der Jugendherberge, zu der auch ein Segelschiff – ebenfalls mit Schlafmöglichkeiten – gehört, waren unglaublich viele Deutsche. In der Bar stieß meine Zimmernachbarin für heute Nacht zu uns und wir ließen die Woche Lappland noch einmal Revue passieren.
Letzten Endes hieß es Abschied nehmen und es war, als wollte sich Lappland gebührend von mir verabschieden, denn als wir am nächsten Morgen erwachten, schneite es auch in Stockholm und alles war weiß gepudert. In München war stattdessen Regen angesagt, was mich wehmütig zurückblicken lässt auf eine wunderschöne, erholsame und erlebnisreiche Zeit im wilden Lappland.

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